{"id":345,"date":"2007-03-20T21:35:56","date_gmt":"2007-03-20T19:35:56","guid":{"rendered":"http:\/\/tour-en-blog.de\/?p=345"},"modified":"2009-01-17T19:45:11","modified_gmt":"2009-01-17T17:45:11","slug":"gonderaethiopien-addis-abebaaethiopien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tour-en-blog.de\/?p=345","title":{"rendered":"Gonder\/\u00c4thiopien &#8211; Addis Abeba\/\u00c4thiopien"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Meidet \u00c4thiopien, wenn ihr k\u00f6nnt.&#8220; Aussagen dieser Art h\u00f6ren wir nicht nur ein Mal. \u00c4thiopien hat sich unter Radfahrern einen schlechten Ruf erarbeitet. Neben anstrengenden Kindern berichtet jeder Radler, dass er mit Steinen beworfen wurde.<br \/>\nEinen alternativen (Land)weg gibt es nicht. Wir werden also sehen, was passiert und wollen dieses Land auch nicht aussparen. Jeder macht seine Erfahrungen, und wir wollen auch unsere eigenen machen. Deshalb sind wir unterwegs.<!--more--><\/p>\n<p>Auf&#8217;s Schlimmste gefasst, haben wir in den ersten Tagen in \u00c4thiopien auf der Piste keine Probleme. Kaum auf der Asphaltstra\u00dfe, nachdem wir Gonder verlassen haben, passiert genau das oben genannte. Ein Jugendlicher, kein kleines Kind, wirft, w\u00e4hrend wir uns in einer Abfahrt befinden, einen nicht zu kleinen Stein kraftvoll, gezielt auf Maik und trifft seinen Arm. Maik springt vom Rad, um die Steinewerfer zu stellen, die sich aus dem Staub machen. Sp\u00e4ter, wieder in einer Abfahrt, setzt ein Junge an, mir einen schweren Stock entgegen zu schleudern. Ich ducke mich weg und komme dabei von der Stra\u00dfe ab, kein Sturz. Wo ich schon stehe, nehme ich die Verfolgung des Jungen auf. Als ich ihn habe, schreit und heult er schon. Ich sch\u00fcttle ihn noch 2 Mal und nehme ihm seinen Stock ab. Wenigstens ergreifen die herbeigeeilten Erwachsenen keine Partei f\u00fcr den Wicht. Bisher haben wir noch keinen k\u00f6rperlichen Schaden durch diese Aktionen zu beklagen. Der Sachschaden bel\u00e4uft sich auf eine Beule in meinem Fahrradrahmen.<\/p>\n<p>Es ist uns unerkl\u00e4rlich, wie jemand auf so dumme Ideen kommt. Wir k\u00f6nnen beobachten, das das Werfen kleiner Kieselsteine oder nur das B\u00fccken, als wenn man einen Stein aufhebt, eine allgemeine Geste ist, um jemanden zu verscheuchen. Man wirft auf das Vieh, die Erwachsenen werfen nach den Kindern, jedoch nur locker vor die F\u00fc\u00dfe. Mit dieser Geste halten uns die Erwachsenen gelegentlich auch zu aufdringliche Kinder vom Leib.<br \/>\nOft k\u00f6nnen wir auch einen rauen Umgang miteinander feststellen. Beim Vorbeigehen wird schon mal freundschaftlich ein H\u00e4matom auf den Oberarm geboxt, man tritt sich, in einer Mittagspause haben wir nicht nur eine Stra\u00dfenschl\u00e4gerei erlebt.<\/p>\n<p>Die Verkehrssituation sieht so aus, dass es kaum private PKW gibt, wenige Busse und LKW. Im wesentlichen sind Heerscharen von Bauern zu Fu\u00df unterwegs, Rinder, Schafe, Lastenesel, wobei die Bauern ihre Lasten oft selbst schleppen. Eine endlose Fu\u00dfg\u00e4ngerzone, in der die meisten Fu\u00dfg\u00e4nger mit Langen St\u00e4ben ausger\u00fcstet sind. Es l\u00e4sst sich also nicht vermeiden sehr nahe an sehr vielen Menschen vorbeizufahren, stets angespannt, ob jemand seinen Stock in unsere R\u00e4der steckt, mit Steinen wirft, die Wasserflasche vom Gep\u00e4cktr\u00e4ger klaut, was auch gelegentlich vorkam, aber stets zur\u00fcckerobert wurde. Wir gr\u00fc\u00dfen immer freundlich, um ein positives Klima zu schaffen und wer winkt, kann erst mal keinen Stein aufheben. Dass wir zuerst gegr\u00fc\u00dft werden, kommt beinahe nicht vor.<\/p>\n<p>Uns empf\u00e4ngt man immer mit den gleichen Phrasen, das gleiche was uns entgegengebr\u00fcllt wird, hunderte Male am Tag, jeden Tag &#8211; &#8222;You!&#8220;, &#8222;You, you, you!&#8220;, &#8222;Where are you go?&#8220;, immer der gleiche falsche Satz, und &#8222;(Give me) money!&#8220;, &#8222;(Give me) pen!&#8220;. Scharenweise laufen Kinder ausdauernd mit und fordern, man fragt nicht, penetrant Geld.<br \/>\nDie Englischkenntnisse sind damit ersch\u00f6pft, wobei die wenigsten wissen, was sie mit &#8222;Where are you go?&#8220; \u00fcberhaupt sagen wollen. Sehr erstaunlich, dass sehr viele Leute, sogar im Tourist Office oder Telekommunikationscenter, nicht ein Wort Englisch sprechen, nicht einmal Ziffern. Erstaunlich deshalb, weil Englisch 2. Amtssprache ist und uns ein Lehrer erz\u00e4hlt, dass Lehrb\u00fccher und Unterricht ebenfalls englisch sind. Das l\u00e4sst auf das allgemeine Bildungsniveau schlie\u00dfen, was wir auch immer wieder feststellen k\u00f6nnen.<br \/>\nAu\u00dferdem ruft man immer &#8222;Farandsch(i)&#8220;, das Wort f\u00fcr Fremde. Das ist so, als w\u00fcrde einem Farbigen bei uns permanent &#8222;Neger&#8220; hinterhergerufen.<\/p>\n<p>Die Steinewerferei h\u00e4lt sich letztlich anzahlm\u00e4\u00dfig in Grenzen, auf Schlimmeres waren wir gefasst. Was uns aber fertig macht, ist, dass man abschnittsweise den Eindruck bekommt, die meisten Einwohner sind so dumm, wie man nur sein kann, bel\u00e4stigen damit andere Menschen und lachen dar\u00fcber. Warum bewirft man Radfahrer mit Steinen? Warum immer und ueberall das &#8222;You, you, you!&#8220;, &#8222;Farandsch&#8220;, &#8222;Give me, give me, give me!&#8220;, &#8222;Where are you go?&#8220;. &#8222;The question is: &#8218;Where do you go?&#8216; or &#8218;Where are you going?'&#8220;, versuchen wir es immerwieder. &#8222;Where are you go?&#8220;, h\u00f6rt der hinten fahrende.<\/p>\n<p>Maik und ich diskutieren, ob es eine positive Zukunftsaussicht f\u00fcr \u00c4thiopien gibt. Wir sind uns einig, dass Geld nicht das Erste ist, woran es mangelt. Was fehlt ist Sozialkompetenz, respektvoller Umgang miteinander und mit Fremden, einen anderen Menschen als Menschen zu sehen und anzuerkennen. Dann scheint es an Bildung zu mangeln, schon bei Lehrern. Und ein Problem ist die Give-me-Mentalit\u00e4t. &#8222;Give me, because I&#8217;m poor!&#8220; Es steckt so in den K\u00f6pfen, dass man arm ist und einem nur andere da heraushelfen k\u00f6nnen. Es fehlt ein positives Selbstbild. Folge von Entwicklungshilfe?<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich sind nie alle gleich, auch wenn es bez\u00fcglich der genannten Verhaltensweisen einen Konsens durch viele hundert Kilometer \u00c4thiopien gibt. Die Erwachsenen sind in der Regel freundlich und entgegenkommend. Einige nette Begegnungen und Gespr\u00e4che haben sich ergeben. Auch f\u00fchlen wir uns nie bedroht oder unsicher.<br \/>\nLandschaftlich \u00fcberzeugt das bergige Land. Sicher stimmt uns auch positiv, dass es einiges Gr\u00fcn und B\u00e4ume gibt. Ein wenig heimatliches Flair nach viel W\u00fcste.<\/p>\n<p>In Baha Dar am Tanasee lassen wir die R\u00e4der im Hotel zur\u00fcck. Wir wollen einen Busausflug nach Lalibela machen. Dort gibt es um 800 Jahre alte Kirchen, die dadurch entstanden sind, das man Felsmaterial, Basaltlava, entfernt, bis man in einem Loch ein Geb\u00e4ude hat, einige monolithisch, das Dach ebenerdig. Das zweite 8. Weltwunder auf unserer Reise.<\/p>\n<p>Seit ca. 1 Stunde sitzen wir, wie die anderen, ausnahmslos einheimischen Mitreisenden, im Bus. Der nebenstehende Bus l\u00e4sst seinen Motor im Stand laufen, um unseren Fahrgastraum mit ausreichend Abgasen zu versorgen. Der Bus ist maximal mit Passagieren und Gep\u00e4ck gef\u00fcllt. Dennoch gelingt es fliegenden H\u00e4ndlern eine Runde durch den Bus zu drehen.<br \/>\nMaik und ich sitzen auf dem Motorblock zwischen Fahrer- und Beifahrersitz quer zur Fahrtrichtung, Maik direkt an der Frontscheibe, den Schaltkn\u00fcppel im R\u00fccken. Gef\u00e4hrlich kann das aber nicht werden, denn der vordere Bereich des Busses ist mit 10 Maria- und Jesusbildern und 5 christlichen Kreuzen bestens gesichert.<br \/>\nDer Fahrer ist offensichtlich ein frommer Mann, der sich bekreuzigt, wenn\u2019s auf der Stra\u00dfe eng wird, sich unterwegs schnell an einer Kirche segnen l\u00e4sst und sonst auch wohl erzogen. So nimmt er beim G\u00e4hnen beide H\u00e4nde vom Steuer und vor\u2019s Gesicht. Die Musik wird eingelegt, laut ist nat\u00fcrlich immer gut. Beim Radfahren ist uns schon aufgefallen, dass die Busse mit einem Au\u00dfenlautsprecher ausgestattet sind. Immer spielt die gleiche Musik, was Bussen einen gewissen Wiedererkennungswert verleiht. Jetzt k\u00f6nnen wir uns das ganze im Fahrzeug anh\u00f6ren. Eine Mischung aus China-Restaurant-Folklore und peruanischen Panfl\u00f6ten mit Gesang, der sich anh\u00f6rt, als w\u00fcrde Sprache r\u00fcckw\u00e4rts abgespielt. Sicher eine Folge der Qualit\u00e4t des Tonbandes, welches wohl mehr Kilometer runter hat, als der nicht eben neue Bus. Zwischendurch lange Predigten vom Tontr\u00e4ger. Bei religi\u00f6ser Musik, um die es sich offenbar handelt, singt der Fahrer schon mal mit. Es d\u00fcrfte auch kaum jemanden geben, der die Lieder besser kennt.<br \/>\nWichtig ist noch die rechte Hand des Fahrers. Ein Mann, der z. Bsp. aus dem langsam fahrenden Busfenster Eink\u00e4ufe f\u00fcr den Fahrer t\u00e4tigt oder mal schnell mit einem Schraubenschl\u00fcssel zum Vorderrad eilt.<br \/>\nSo vergeht der Tag mit eingequetschten Beinen leidend. Man bem\u00fcht sich aber sehr um uns, bietet uns an mit anderen Fahrg\u00e4sten die Pl\u00e4tze zu tauschen, um etwas komfortabler zu sitzen.<br \/>\nAm fr\u00fchen Abend, 67km vor dem Ziel, in einem kleinen Dorf im Nirgendwo endet die Reise unerwartet. Feierabend. Morgen kommt (wahrscheinlich und wer wei\u00df wann) ein anderer Bus f\u00fcr den Rest der Strecke. Offizieller Grund: der Bus hat kein Licht. Es ist aber nicht so sp\u00e4t, dass man nicht noch das letzte St\u00fcck schaffen k\u00f6nnte, glauben wir. Das \u00c4rgerliche ist, dass ein anderes Ziel vereinbart war, keine mehrt\u00e4gige Fahrt, was einheimische Reisende gleicherma\u00dfen \u00fcberraschend trifft. Wir verbringen die Nacht f\u00fcr kein nennenswertes Geld im Hotel, sofern man die R\u00e4ume so bezeichnen kann. Am fr\u00fchen Nachmittag des n\u00e4chsten Tages erreichen wir Lalibela.<br \/>\n1,5 Tage f\u00fcr sch\u00e4tzungsweise 300km wegen \u00fcbelster Piste mit vielen, vielen H\u00f6henmetern. Dank der Vermittlung des Besitzers des Hotels, in dem wir in Lalibela unterkommen, fahren wir zur\u00fcck mit einem Pickup. Selbst das eine achtst\u00fcndige Tortur. Zwischenzeitlich hatten wir \u00fcberlegt, diesen Abschnitt mit dem Rad zu fahren. Wir sind so froh, eine andere Route gew\u00e4hlt zu haben. Hier h\u00e4tten wir uns tagelang aufgerieben.<br \/>\nUnterhaltungseinlagen bei der R\u00fcckfahrt bestehen darin, dass der Wagenschl\u00fcssel im rundherum verschlossenen Auto zur\u00fcckbleibt und wiederum in religi\u00f6ser Musik. Kaum dass das Wort \u201cHalleluja\u201d in einem Lied auftaucht, geht auch der studierte Anzugtr\u00e4ger aus sich heraus, schunkelt und klatscht mit. Religi\u00f6se, kitschige Musikvideos, die die Menschen fesseln, sind uns in \u00c4thiopien schon vorher begegnet.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck in Baha Dar fallen am Abend ein paar Tropfen Regen, der erste f\u00fcr uns in diesem Jahr.<\/p>\n<p>Eine Herausforderung besteht noch in der Nilschlucht. Grobe Schotterpiste 20km 1300 H\u00f6henmeter runter und das Ganze auf der anderen Seite wieder hoch. So mancher hat hier sein Rad auf&#8217;s Auto geladen. Wir finden, das es sooo schlimm auch nicht war.<\/p>\n<p>Derzeit sind wir in Addis Abeba. Die Stadt unterscheidet sich deutlich vom bisher kennen gelernten \u00c4thiopien. Wir bleiben eine Attraktion, das ist normal, man bel\u00e4stigt uns aber kaum. Eine moderne Stadt inklusive Stra\u00dfenverkehr und Nachtleben (anders als in Khartum, wo fr\u00fch die Buergersteige hochgeklappt wurden). Viele Baustellen im sozialistisch gepr\u00e4gten Stadtbild, die Aufschwung versprechen, wobei wir uns haben sagen lassen, dass die Entwicklung insgesamt schleppend verl\u00e4uft. Viel aufpoliert wird f\u00fcr das bevorstehende Millennium, da es nach dem hiesigen Kalender 1999 ist.<\/p>\n<p>Hier in Addis Abeba wieder l\u00e4ngerer Aufenthalt als geplant wegen der Verl\u00e4ngerung des Visums f\u00fcr \u00c4thiopien und der Beschaffung eines Visums f\u00fcr Kenia, dem n\u00e4chsten Ziel, das wir in vielleicht 1 Woche erreichen.<\/p>\n<p>Gerade h\u00f6ren wir vom Internet in Kenia und sp\u00e4ter Tansania auch nichts gutes. Bleibt uns trotzdem treu!<\/p>\n<p>Tom<\/p>\n<p class=\"Anhang\">\nFotos zu diesem Artikel: <a href=\"http:\/\/tour-en-blog.de\/?p=342\" title=\"Gonder\/\u00c4thiopien - Addis Abeba\/\u00c4thiopien : Fotos\">Gonder\/\u00c4thiopien &#8211; Addis Abeba\/\u00c4thiopien : Fotos<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Meidet \u00c4thiopien, wenn ihr k\u00f6nnt.&#8220; Aussagen dieser Art h\u00f6ren wir nicht nur ein Mal. \u00c4thiopien hat sich unter Radfahrern einen schlechten Ruf erarbeitet. Neben anstrengenden Kindern berichtet jeder Radler, dass er mit Steinen beworfen wurde. Einen alternativen (Land)weg gibt es nicht. Wir werden also sehen, was passiert und wollen dieses Land auch nicht aussparen. 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